Kristallinchen
Die Eisprinzessin und der verlorene Schnee


28. Dezember 2016

Warum ist es so still?

Ein großes UAHHH und das Lächeln der einfallenden Sonnenstrahlen, die durch das große Kristallfenster ihres Schlafgemachs im schönen Eiskristallschloss, das mitten im Winter Wonder Land liegt, entgegenstrahlten, ließ wie immer einen schönen Tag erwarten.

Etwas seltsam kam es ihr dann aber doch vor, dass es so ruhig war. Die Crazy Packs, die um diese Zeit schon längst wieder müde waren, nachdem sie die halbe Nacht mit fröhlichen Winterliedern wie „Leise rieselt der Schnee“, durch das nächtliche Schloss tollten, waren nicht zu hören. Normalerweise dösten sie um diese Zeit vor sich hin, was man keinesfalls als leise bezeichnen konnte. Aber heute kein zzzzzzh, kein chrrrr, kein ssssr, kein Nichts aus dem Schrank gegenüber ihrem Bett. Da Crazy Packs normalerweise nie krank sind, über 150.000 Jahre alt werden und die Schloss Packs, wie sie sich selbst auch nannten, gerade einmal jugendliche 10.000 Jahre alt waren, verwunderte diese Stille Kristallinchen doch sehr. Kristallinchen stand also auf. Etwas besorgt ging sie in Richtung Schrank, um nach den Crazy Packs zu schauen. Sie öffnete diesen und ... Oh Schreck! Nichts! Kein einziges Crazy Pack. Wo waren ihre treuen Freunde wohl geblieben?

 

Der Schnee ist weg

In ihrer Panik und weil sie um ihre Freunde Angst hatte, lief Kristallinchen schnell die Stufen ihres Schlosses hinunter und stürzte ins Freie. Doch was sie jetzt sah, ließ ihr beinahe den Eisatem schmelzen. Alles war grün. Kein Schnee. Keine Eiszapfen. Keine Eiskristalle. Alles war weg. Die Bäume waren grün, der Teich war nicht gefroren und es blühten keine Eisblumen im Garten. Vor allem, was Kristallinchen am meisten fürchtete, es war heiß, viel zu heiß. Was eine Eisprinzessin am wenigsten brauchen kann, ist Wärme.

Wo waren alle ihre Freunde? Kristallinchen ahnte Fürchterliches. Wo war ihr ganzer Hofstaat, ihre Freunde und Vertrauten? Wo die Crazy Packs? Wo der Zauberer Magic Snow? Wo die weisen und lustigen Tannenbäume, die Swinging Trees? Wo die schnellen Eiskobolde Blue Ice, Ice Light und Ice Star?

Kristallinchen wich sofort wieder ins Schloss zurück. Dort war es doch etwas kühler. Sie begann nachzudenken. Wenn ihr heiß war, dann sicher auch ihren Freunden. Wohin konnten sie geflüchtet sein? Da fiel ihr die alte Speisekammer im tiefen Keller ein. Dort war es sicher kalt und groß genug, dass für alle Platz war und zu Essen und Trinken gab es auch genug. Schnell begab sich Kristallinchen in den großen, kühlen Keller, vorbei an den schönen Gemälden ihrer Vorfahren, den Eisköniginnen und Könige der letzten 200.000 Jahre. An den Skiern und Rodeln vorbei, an den schönen Wintermalereien und an der Weihnachtsliedersammlung. Endlich stand sie vor dem Tor zur Speisekammer. Schnell den Zauberspruch aufgesagt, „der Schnee liegt auf dem Baum, dem Strauch und auf dem Hut da liegt er auch und so kam ich dahinter, es ist Winter“. Das Tor öffnete sich mit einem freundlichen Knarren. Da waren sie alle. Gesund und munter, keiner fehlte. Jedoch waren alle sehr traurig, freuten sich aber, Kristallinchen gesund zu sehen.

„Was sollen wir machen Kristallinchen?“, fragten die Crazy Packs. Die Swinging Trees klagten verzweifelt: „Ohne Schnee werden die Menschen nicht mehr über uns singen!“ Die Eiskobolde Blue Ice, Ice Light und Ice Star wollten sofort losstürzen und den Schnee suchen. „Ich weiß nicht, was zu tun ist“, sagte Kristallinchen verzweifelt. Plötzlich erklang eine tiefe, wohltuende Stimme aus dem Dunkel der Speisekammer: „ICH habe einen Plan!“

 

Der Plan

Ehrfurchtsvolle Stille trat ein, als der Zauberer Magic Snow nachdenklich aus seiner dunklen Ecke kam. „Ich habe einen Plan“, brummte er noch einmal und sogar die Crazy Packs waren ganz still. Der Zauberer Magic Snow, der aus ferner Zeit kam und dessen wahres Alter niemand kannte, sieht aus wie eine Mischung aus Miraculix und Merlin. Er kannte diese sicher auch, sprach aber nie über sie. Er erläuterte dem aufgeregten Gefolge seinen Plan.

Kristallinchen sollte sicher im Winter Wonder Land Schloss bleiben. Die Wärme wäre für sie viel zu gefährlich. Sie sollte in der Speisekammer ausharren, zwei der Eiskobolde würden zum Schutz bleiben. Die Crazy Packs, denen die Wärme nicht so viel ausmachte, sie sind ja sehr oft unter den Weihnachtsbäumen in warmen Wohnungen und Häusern der Familien anzutreffen, werden hinausgehen und den Schnee suchen. Wenn klar ist, wer den Schnee gestohlen hat, kommen die Eiskobolde Blue Ice, Ice Light und Ice Star mit Unterstützung der Swinging Trees und bringen den Schnee zurück. Magic Snow werde sich selbst gleich auf den Weg machen, um die Schuldigen zu suchen. Als Verbindung untereinander dient der Eisvogel, der die Nachrichten verbreitet und weiterleitet.

Jetzt waren alle wieder beruhigt und freuten sich über den Plan von Zauberer Magic Snow. „Es ist an der Zeit, aufzubrechen“, mahnte der Zauberer. „Wir sehen uns wieder in fünf Tagen.“ Mit zwei Swinging Trees als Begleitung verschwand er. Auch die Crazy Packs machten sich sofort auf den Weg. Einzig die Eiskobolde Blue Ice, Ice Light und Ice Star warteten noch auf ihre Reise.

 

Jetzt ist es klar

Der Zauberer und seine zwei Swinging Trees-Gefährten waren schnell vorangekommen. Weg vom Schloss, in eine schneelose, grüne Einöde, in der es bereits mäßig warm war. An einem kühlen schattigen Platz weihte er die Baumfreunde ein. Er befürchtete, dass die Hexe No Frost den Schnee gestohlen hatte und ihn gut versteckte. Das Ganze nur um, mit ihren Freunden den Schneekanonen, künstlichen Schnee zu machen. Künstlicher Schnee, davor schauderte es den zwei Swinging Trees und die Furcht stand ihnen zwischen die schneelosen Zweige geschrieben. Vor lauter Traurigkeit und Angst fielen ihnen ein paar Tannenzapfen von den Augen. „Was werden die Menschen dann singen? Sie werden neue Lieder über Schneekanonen schreiben und uns ganz schnell vergessen.“ „Keine Angst, wir werden das gemeinsam schaffen“, antwortete der Zauberer mit gewohnt ruhiger Stimme.

Die Crazy Packs verteilten sich flink und schnell in alle Richtungen. Waren mal da, mal dort. Manchmal schlichen sie sich zu Geburtstagsfeiern, manchmal zu Hochzeiten und manchmal auch zu Firmenfeiern. So ein Paket kommt ja schließlich überall hinein. Ein Crazy Pack schmuggelte sich zu einer Jubiläumsveranstaltung der Firma „Schnee und Co. KG - Wir machen den Schnee“ und was es dort zu hören bekam, ließ es erschaudern.

Der Schnee war wirklich von No Frost gestohlen worden, um zukünftig Schnee mit ihren Schneekanonen zu machen. Der Schnee ist in ganz vielen Kühlhäusern versteckt und diese werden sehr bald nicht mehr kühlen, so dass der Schnee für immer verschwindet. Schnell verteilte der Eisvogel die Nachricht an die anderen Crazy Packs, an Magic Snow und die Eiskobolde Blue Ice, Ice Light und Ice Star.

Ein kühler Ort in einem dunklen Keller war der Treffpunkt. Hier trafen sich nun die Freunde, um den Schnee zu befreien und zurück ins Winter Wonder Land zu bringen.

Aber wie sollte man das tun? Der Zauberer Magic Snow war dafür verantwortlich die Hexe No Frost abzulenken, während die Crazy Packs alle Kühlhäuser ausfindig machen sollten. Die Eiskobolde würden den Schnee befreien und die Swinging Trees, mit ihrer Kraft und Wendigkeit, den Schnee sicher zurückbringen.

 

Magic Snow und No Frost – die Entscheidung 

Weit brauchte Magic Snow nicht zu gehen. Schon bald hörte er in der Nähe der Stadt, in einem abgelegenen Kühlhaus, das schadenfrohe Gelächter von No Frost und schallendes Gekicher der Schneekanonen, die sich ihrer Sache schon sicher schienen. Rund um das Kühlhaus war es bereits sehr warm geworden. Sie hatten begonnen, den Schnee zu schmelzen! Es war also keine Zeit mehr zu verlieren! Mit großem Getöse katapultierte sich Magic Snow mitten ins Kühlhaus, mit einer großen Armbewegung und dem Spruch „Erstarret und verharret, haltet still, der Schnee wieder gefrieren will“, stoppte er augenblicklich die Erwärmung. No Frost war so überrascht, dass sie zu keinem Zauberspruch fähig war und sofort zu einem Eisklumpen erstarrte. Die Schneekanonen waren sowieso nicht sehr helle und fürchteten sich fast zu Tode. Der künstliche Schnee stand ihnen ins Gesicht geschrieben. Von ihnen war sehr bald zu erfahren, wo der restliche Schnee lagerte und somit konnte Magic Snow den Zauber auch auf die anderen Kühlhäuser wirken lassen. Sein treuer Freund, der Eisvogel, verbreitete die Nachricht an alle Freunde. Nun wusste jeder, was zu tun war. Es war allerhöchste Eile geboten, weil der Zauber, der auf No Frost lag, nicht allzu lange wirkte. Das wusste Magic Snow schon von anderen Begegnungen mit ihr. Bei einer Gletscherschmelze kam dabei sein alter Freund Ötzi wieder zum Vorschein. Aber das ist eine andere Geschichte.

 

Der schnelle Weg zurück

An vorderster Front waren Ice Star, Blue Ice und Ice Light für den Rücktransport des Schnees verantwortlich. Die Swinging Trees wurden mit einfachen Zaubersprüchen, die auch die Kobolde beherrschten, mit Schnee beladen. Dabei wollten sie vor Freude zu singen beginnen. „Oh Tannenbaum, Oh Tannenbaum“, schallte es bereits durch die fast eisige Nacht. „Noch haben wir den Schnee nicht gerettet. Erst wenn er wieder im Winter Wonder Land ist, dürft ihr wieder singen!“, rügten Blue Ice, Ice Star und Ice Light die Swinging Trees und beluden sie weiter mit Eis und Schnee. Leise vor sich hinbrummend, begannen sie, sich ins Winter Wonder Land zu bewegen. Etwas langsam, aber doch. Blue Ice mahnte zur Eile, denn er wusste von Magic Snow, dass der komplette Schnee im Winter Wonder Land zurück sein musste, bevor No Frost wieder auftaut. Denn wenn nicht, war alles umsonst.

In der Ferne war schon das Schloss im Winter Wonder Land zu sehen. Grün und blühend, es war wirklich ein sehr trauriger und erschreckender Anblick. Plötzlich ein Klirren und Scheppern, das Zersplittern von tausenden Eiszapfen war zu hören. No Frost war aufgetaut. Den Swinging Trees verging augenblicklich ihr Murren und zum Singen war ihnen schon gar nicht mehr zumute. Ice Light und Ice Star trieben die Swinging Trees an. Selbst die herbeigeeilten Crazy Packs halfen den Trees, den Schnee schnell ins Winter Wonder Land zurück zu bringen. Auch auf die Gefahr hin, dass sie komplett nass würden und dabei ihre schönen Weihnachtspapiere wieder bügeln müssten. „Weiter, weiter, weiter!“, trieben die Eiskobolde alle an. No Frost war schon sehr nah. Sie konnten die Wärme schon auf ihren Rücken spüren. Mit einem letzten Sprung rettete sich der letzte Swinging Tree über die Grenze ins Winter Wonder Land. Die Crazy Packs schlossen schnell das Tor und unsere tapferen Eiskobolde wehrten No Frost ab, indem sie sie mit einfachen Zaubersprüchen zurück drängten. No Frost, noch ziemlich schwach und halb erfroren, konnte sich nicht zur Wehr setzen.

Man erzählt sich, dass sie jetzt statt No Frost, No Rost heißt und sich ziemlich erfolglos darum kümmert, dass die Schneekanonen nicht verrosten!

 

Jubel im Winter Wonder Land

Kaum waren die Tore hinter den Freunden zu, wurde es augenblicklich wieder Winter im Winter Wonder Land. Voller Freude lief der gesamte Hofstaat aus den Speisekammern in den Park. Kristallinchen jubelte. Die Crazy Packs trieben auf dem Eisteich ihren Schabernack. Die Swinging Trees sangen, was das Zeug hergab – all die schönen Winter- und Weihnachtslieder –. Die Eisblumen schossen aus dem Schnee und überall wuchsen die Eiszapfen in voller Pracht. Freude überall – Ski fahren, Eislaufen, Schneeballschlachten, Iglu bauen – all das war endlich wieder möglich.

Plötzlich, in den Trubel, Jubel und in die winterliche Stimmung hinein, brummte eine ruhige, bestimmte und dunkle Stimme: „Meine Freunde. Vielen Dank, dass ihr Kristallinchen geholfen und den Schnee wieder zurück gebracht habt. Somit können wir ab morgen den Menschen wieder viel Freude bereiten. Aber wir müssen verantwortungsvoll damit umgehen und auf den Schnee Acht geben, damit er noch lange im Winter Wonder Land fällt und wir damit Freude bereiten können! Und jetzt wird weitergefeiert, einen schönen, kalten Winter lang. Ho Ho Ho – Rudi, let‘s go.“

 

  • Geschichte: Hannes „TED“ Rain
  • Illustration: Oliver Schott
  • Grafik: Isabella Grabner